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Heilende Gärten


Ich erinnere mich an zahlreiche Naturerlebnisse aus meiner Kindheit. An das Gefühl, als ich das erste Mal mit meinen Händen Samen in der Erde vergrub, an den süßen Geschmack von selbstgepflückten Erdbeeren, an mein Staunen, als ich blau-glitzernde Libellen über einem Teich schweben sah, an das Bedürfnis, einmal den weichen Pelz einer Hummel streicheln zu können, die Schirmchen der Pusteblumen schweben zu sehen, an das Pflücken von Kornblumen am Feldrand, dem Duft von der Erde nach einem Sommerregen oder das Gefühl von weichem Moos unter den Füßen.

Als Kind suchen wir intuitiv nach diesen Momenten. Entdecken unsere Umwelt, sind neugierig und fasziniert von all dem, was um uns herum wächst und lebt. Und wir lieben es, mittendrin zu sein und zu spüren, dass wir ein Teil der Natur sind.


Als Erwachsene verliert sich dieser intuitive Kontakt zur Natur schnell. In einer Welt, die immer schneller, lauter, digitaler wird, ist wenig Raum für Natur, Stille und Achtsamkeit. Wir verbringen 90 % unserer Zeit in Innenräumen. Wir starren auf Bildschirme. Wir atmen Luft aus Klimaanlagen. Es kommen Pflichten, Druck, Hektik. Und Arbeitsumgebungen, wie sterile Büros, die oft alles andere sind als verbunden mit der Natur. Der Kontakt zur Natur wird zum seltenen Luxus, den man sich im Urlaub am Meer oder in den Bergen gönnt, oder vielleicht bei einem Spaziergang am Wochenende.

Dabei gibt es zahlreiche Studien, die nachweisen, welch großen Einfluss die Natur auf unsere Gesundheit hat. Physisch und psychisch. So sprechen Gärten beispielsweise alle unsere Sinne an, wie der Duft von Rosen, die Geräusche von Blätterrascheln der Bäume, die verschiedenen Texturen, wie die samtenen Oberflächen des Frauenmantels.


Schon 20 Minuten in einem Park oder Garten reichen aus, um den Cortisolspiegel – das sogenannte ‚Stresshormon‘ – messbar zu senken und regelmäßiger Naturkontakt stärkt unser Immunsystem. Besonders beeindruckend: Selbst in städtischen Grünflächen, die oft nur wenige Quadratmeter groß sind, treten diese Effekte auf. Eine aktuelle Metaanalyse aus dem Jahr 2023 mit über drei Millionen Teilnehmenden bestätigt: Wer in einer Umgebung mit 10 % mehr Grünflächen lebt, hat ein um 3 % geringeres Risiko, an Depressionen zu erkranken.

Eine US-amerikanische Forschungsgruppe hat 2024 den Zusammenhang zwischen Grünflächen in städtischen Gebieten und der psychischen Gesundheit der Bevölkerung untersucht und bestätigt: Menschen in grünen Stadtvierteln weisen eine bessere psychische Gesundheit auf als in grauen, dicht bebauten Gebieten.

Eine finnische Studie (2023) fand heraus: Wer häufiger in Parks oder Wäldern ist, nimmt weniger Medikamente ein – besonders gegen Bluthochdruck, Asthma und Depressionen. Die Forscher sehen darin einen direkten Zusammenhang zwischen Zugang zu Grünflächen und besserer körperlicher Gesundheit.

Das sind nur einige Beispiele. Eine der bekanntesten Studien hierzu entstand übrigens bereits 1984. Der amerikanische Forscher Roger Ulrich wies nach, dass frischoperierte Patienten, die aus ihrem Krankenhauszimmer nur auf eine Mauer blickten, einen messbar höheren Schmerzmittelbedarf haben als eine Vergleichsgruppe, die in Bäume schauten.



Therapiegärten, wie die Horatio‘s Gardens oder die Grünanlagen rund um die Maggies Center in England, die Vitrea Therapiegärten in Hattingen oder auch kleinere Projekte, wie die Außenanlagen des Kinderhospiz Löwenherz in Syke bei Bremen sind sozusagen die Königsdisziplin von wohltuenden Gärten. Es gibt sie inzwischen u.a. in manchen Kliniken, Gesundheits- und Senioreneinrichtungen. Noch sind es Einzelprojekte, die die aber jetzt bereits beeindruckende Erfolgsgeschichten erzählen können. Ob für Demenzkranke, für die Mobilisierung von körperlich eingeschränkten Menschen oder zur seelischen Stärkung. So dass Therapiegärten und die Einbindung von Gartentherapeut:innen hoffentlich irgendwann zu einer Selbstverständlichkeit werden.


Als Gartendesignerin möchte ich ermutigen, Ansätze aus den Therapiegärten auch in private und geschäftliche Außenflächen zu holen. Denn jedes Mehr an Grün in unserer Umgebung hat einen Mehrwert für uns und die Umwelt (Stichwort Klimaanpassung und Biodiversität). Jeder noch so kleine Außenraum kann mit oftmals geringem Aufwand zu einer grünen Oase werden. Manchmal ist es nur ein neu gepflanzter Baum in der Mitte des Gartens, in dessen raschelnde Blätter man vom Sofa oder dem Schreibtisch aus blickt und der die Fenster des Nachbarhauses verdeckt. Oder gewundene mit blühenden Stauden eingerahmte Wege durch den kleinen Garten, die nach der Hektik des Tages zum Flanieren und Entdecken einladen. Oder der Duft von Lavendel, Rosmarin und Thymian auf dem Balkon, wenn man sich mit einem Buch in die Abendsonne nach draußen setzt oder mit dem Freundeskreis den Sommer feiert.


Für mich geht es bei Gärten und meinen Gartendesignberatungen deshalb nicht nur um das Wissen der positiven Effekte, sondern darum, die Wirkung zu spüren. Es geht um die Schaffung eines wohltuenden Erlebnisses, das zum festen Bestandteil des Alltags werden kann. Es ist jedes Mal eine solch große Freude zu sehen, wie sehr Menschen aufblühen, wenn ihre Außenräume – mögen sie auch noch so klein sein – plötzlich zu einer grünen, geborgenen und lebendigen Erweiterung der Innenräume werden.  


Heilen Gärten also? Ich würde sagen, sie können Teil eines Heilungsprozesses sein und vor allem können sie präventiv wirken und dafür sorgen, dass wir unser Nervensystem regulieren, herunterfahren, zur Ruhe kommen und gleichzeitig einen weiteren Raum für Gemeinschaft hinzugewinnen. Denn die Sehnsucht nach Natur ist aus meiner Sicht ein menschliches Grundbedürfnis. Und in unseren Gärten, Vorgärten, Innenhöfen, Balkonen und Terrassen steckt jede Menge Potenzial, um sich die Natur zurück in sein Leben zu holen.



Text: Maike Kristina Harich

 

Hinweis: Die Menschen und Orte, die ich hier vorstelle, sind rein redaktionell von mir selbst ausgewählt. Es wird also kein Geld für eine Veröffentlichung bezahlt und ich würde auch keines annehmen:-).





Fotonachweise: Maike Kristina Harich, iStock.com/BeritK, iStock.com/BasieB

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